Stenzel, F., Zille, M.: Jedem Kind einen Paten – Das Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften

Patenschaften sind längerfristig angelegte 1:1 Beziehungen zwischen ehrenamtlich engagierten Erwachsenen (Paten) und Kindern (Patenkinder), die durch Aufmerksamkeit und Unterstützung das Kind fördern und den Paten an der kindlichen Lebenswelt teilhaben lassen. In Berlin kümmern sich vielfältige Programme um die Gewinnung, Vorbereitung, Vermittlung und Begleitung solcher Patenschaften. Unter ihrer Obhut übernehmen immer mehr Bürger Verantwortung und tragen ihren Teil zu Bildung, Teilhabe und Integration bei, indem sie als Schülerpate oder großer Freund, bei den Hausaufgaben unterstützen, einen Ausflug organisieren und eine in Kita, Schule und Elternhäusern immer knappere Ressource einbringen: viel Zeit und persönliche Zuwendung zum Wohle der Kinder und ihrer Familien.

1 zu 1 – das Tandemprinzip

Patenkinder finden auf unterschiedliche Wege in die Patenschaftsprogramme. Teilweise melden sie sich direkt an, oder sie werden von Kooperationspartnern (z.B. Sozialarbeitern, Lehrern) vorgeschlagen bzw. vorgestellt. Die Patenschafts-organisationen machen ihr Angebot über Zeitungsanzeigen, Online-Präsenz, Informationsveranstaltungen und Ansprache von Multiplikatoren bekannt. Die „Mund-zu-Mund-Propaganda“ ist ebenfalls eine wichtige Werbeform. Paten und Patenkinder werden durch Koordinatoren zusammengebracht. Diese führen mit allen Beteiligten Gespräche und stellen Fragen zu Motivation, Erwartungen und Interessen und prüfen die Eignung für eine Patenschaft: Ernsthaftigkeit, Verbindlichkeit, Offenheit und Bedürftigkeit sind hier die ausschlaggebenden Kriterien. Die erwachsenen Paten müssen ein polizeiliches Führungszeugnis vorweisen und bereit sein, an vorbereitenden und begleitenden Schulungen teilzunehmen. Von den Paten wird erwartet, dass sie sich über eine längere Zeitspanne (meist ein Jahr) einmal wöchentlich mit dem Kind treffen. Das Patenschaftsengagement unterscheidet sich aufgrund der Verbindlichkeit und Regelmäßigkeit von einem gelegentlichen nachbarschaftlichen Engagement. Auch Patenkinder gehen Verpflichtungen ein: Auch sie müssen sich in die Beziehung einbringen, indem sie die Treffen verbindlich wahrnehmen und Verantwortung für die Aktivitäten übernehmen. Die Bezugspersonen des Kindes werden gebeten, die Beziehung zu unterstützen, indem sie dem Paten ihre Wertschätzung zeigen und dafür sorgen, dass die Treffen zustande kommen.

Grenzen von Patenschaftsbeziehungen

Die Patenschaftskoordinatoren/-innen sind sich darüber einig, dass eine Patenschaftsbeziehung kein „Allerheilmittel“ darstellt, das (sozial-)pädagogische Interventionen ersetzen soll oder kann. Das Gelingen einer Patenschaftsbeziehung ist an Bedingungen geknüpft, die professionelle Fachkräfte oftmals gerade nicht vorfinden, sondern die sie erst herstellen müssen. Eine Patenschaft kommt dagegen erst zustande, wenn sich die Beteiligten freiwillig dazu entschlossen haben. Motivation, Zuverlässigkeit und Kontaktfähigkeit des interessierten Kindes und seiner Bezugspersonen werden durch die Patenschaftskoordinatoren zuerst geprüft, ehe eine Patenschaft vermittelt wird. Das heißt, in Patenschaftsprogramme werden Kinder aufgenommen, die ein gewisses Maß an elterlicher Unterstützung erhalten und Beziehungskompetenzen besitzen.

Pat_innen sind engagierte Bürger_innen, die einen Beitrag zu Bildungsgerechtigkeit, Integration und Chancengleichheit leisten wollen. Die Mehrzahl der Engagierten üben eine Patenschaft neben einem Studium oder Berufstätigkeit aus. Sie möchten sich sozial engagieren, verfügen jedoch nur über begrenzte zeitliche und personelle Kapazitäten. Die investierte Zeit möchten freiwillige Pat_innen sinnvoll verbringen und sich als erwünschte Unterstützer_innen empfinden können. Unerfreuliche Rahmenbedingungen wie z.B. ausführliche Dokumentationen, fehlende Motivation des Kindes, Treffen, die nicht zustande kommen, desinteressierte Eltern sind „Gift“ für eine Beziehung. Patenschaftskoordinator_innen tragen dafür Sorge, dass sich die Ehrenamtlichen wohlfühlen und sich langfristig engagieren.

Entstehungsgeschichte des Netzwerkes

Die meisten Patenschaftsorganisationen sind unterfinanziert oder sogar in prekären Lagen. Deswegen haben sich die Koordinatoren der Berliner Patenschaftsprogramme zusammengeschlossen, um gemeinsam Patenschaften als Engagementform bekannter zu machen, sie qualitativ weiterzuentwickeln und sich für bessere Förderbedingungen einzusetzen.

Das Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften e.V. wurde im Februar 2012 von neun Koordinatoren gegründet und hat aktuell sechsundzwanzig Mitgliedsorganisationen aus fast allen Berliner Bezirken. In den zwei vorangegangenen Jahren hatten sich Patenschaftskoordinatoren auf Weiterbildungen im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms „Aktion zusammen wachsen“ kennen gelernt und einen monatlich stattfindenden Stammtisch zum fachlichen Austausch eingerichtet. 2011 bewarb sich das Netzwerk erfolgreich beim startsocial–Wettbewerb und erhielt ein viermonatiges Coaching-Stipendium. Am Ende des Coachings stand die Vereinsgründung und die erste Spende: ein hochklassiger Imagefilm zum Patenschaftsgedanken.

Aktivitäten des Netzwerks

Die Aktivitäten des Netzwerks sind auf seine Ziele Öffentlichkeitsarbeit, Qualitätsentwicklung und politische Interessenvertretung ausgerichtet. Um Patenschaften als Engagementform bekannter zu machen, entstanden ein Imagefilm und die Kampagne „100 Paten für Berlin“, mit der über das Internet und in sozialen Medien für Paten in Berlin geworben wird.

Zum inhaltlichen Austausch und zur qualitativen Weiterentwicklung von Patenschaften nehmen die Mitgliedsorganisationen regelmäßig an Stammtischen, Werkstattgesprächen und in Arbeitsgruppen teil, zu Themen wie beispielsweise Kinderschutz oder Evaluation von Patenschaften. Von Oktober 2012 bis Oktober 2013 führte das Netzwerk als einer der Preisträger des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgelobten „Wettbewerbs zur Förderung von Lokalen Bildungs- und Kompetenznetzwerken für Nachhaltigkeit“ das Projekt „Patenschaften für Nachhaltige Entwicklung“ durch. Im Projekt wurden erstmalig organisationsübergreifende Fortbildungen für Paten und Freizeitangebote für Tandems erprobt. Für den Zeitraum von September 2013 bis August 2015 ist es gelungen, eine Grundtvig-Förderung für das Begegnungsprojekt „European Mentoring and Befriending Exchange Project“ (EMBEP) mit Netzwerkorganisationen aus Großbritannien/Schottland, Schweiz und Italien zu erhalten.

Um bessere Förderbindungen für Patenschaftsprogramme zu erzielen, betreibt das Netzwerk gezielte Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit. So fand im September 2011 unsere erste gemeinsame öffentliche Aktion vor dem Roten Rathaus statt. Seither wurden weitere Aktionen organisiert und Pressemitteilungen verfasst.

Aktuelle Herausforderungen

Patenschaftsvermittlung ist eine fachlich anspruchsvolle und zeitintensive Arbeit, die nicht alleinig ehrenamtlich verrichtet werden kann. Patenschaftsvermittler geben bürgerschaftlichem Engagement einen organisatorischen Rahmen und garantieren mit ihrer Arbeit einen rechtlichen Schutz, definieren die Möglichkeiten und Grenzen des Engagements, sind Ansprechpartner bei Konflikten und Unsicherheiten und bestärken Ehrenamtliche über Zuspruch in ihrem Tun. Der „Kostenfaktor Koordination“ setzt dem Wachstum von Patenschaftsprogrammen Grenzen, weil die finanziellen Mittel aufwändig über Spenden und Projektförderungsanträge akquiriert werden müssen.

Die Arbeit der Patenprojekte steht deshalb auf wackligen Beinen. Die Projekte sind in der Regel nur befristet finanziert. Den Koordinatoren werden – gemessen an der komplexen, oft unterschätzten Aufgabe und der wachsenden Nachfrage – häufig unzureichende Stundenbudgets zugestanden. Das sind schwierige Bedingungen, um Qualitätsstandards einzuhalten, obwohl die Forschung längst bestätigt hat, wie entscheidend eine gute Praxis für die Wirksamkeit der Förderbeziehungen ist. Bislang haben es nur einige wenige Akteure geschafft, das eigene Angebot über Jahre zu verstetigen, mit Projektförderungen und dank Spenden aus Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Erfolg des Netzwerks Berliner Kinderpatenschaften und das wachsende Interesse am Patenschaftsansatz sind Beleg für die Notwendigkeit, langfristige Finanzierungsmöglichkeiten für Patenschaftsprogramme zu schaffen. Patenschaftsbüros sollten selbstverständlicher Bestandteil der Bildungslandschaft in Deutschland werden. So wird es erst möglich, dass jedes Kind, das einen Paten benötigt, auch einen Paten hat.

Berliner Kinderpatenschaften in Zahlen
(aus einer Befragung von 21 Netzwerkmitgliedern im September 2013)

Im Jahr 2012 wurden 1013 Patenschaften berlinweit betreut. Pate und Kind trafen sich in der Regel ein Mal in der Woche und verbrachten durchschnittlich 11,4 Stunden im Monat Zeit miteinander. Eine Patenschaft dauert durchschnittlich 12,4 Monate.

Insgesamt 481 Kinder befanden sich auf Wartelisten und warteten durchschnittlich 3,8 Monate auf ihre Vermittlung.

Die Vermittlung und Betreuung der über 1000 Patenschaften inklusive Werbung, Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising wurde von 27 in Vollzeit beschäftigten, vierzehn in Teilzeit beschäftigten und 81 ehrenamtlich tätigen Mitarbeiter/innen erbracht.

Mehrheitlich Frauen engagieren sich als Patin (68,6%). Eine große Anzahl der Patinnen und Paten sind im Alter von 18-29 Jahren (39,1%) oder älter als 50 Jahre (34,6 %).

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Kontakt

Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften e.V.
Kirchstraße 2, 10557 Berlin
Tel.: 030 46 73 09 43
Mobil: 0172 599 43 48
info@kipa-berlin.de              www.kipa-berlin.de

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