Kuhn, K.; Liebers, M.; Figge, N.: Familien-stärken – Ein intensives Familientraining mit zeitweiligem Innewohnen der Familien

Seit 1995 widmet sich casablanca – gemeinnützige Gesellschaft für innovative Jugendhilfe und soziale Dienste mbH – der Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Familien in schwierigen Lebenssituationen in den Hilfen zur Erziehung. Ziel ist ihre persönliche Stärkung bei der konstruktiven Lebensbewältigung und die Verbesserung sozialer Lebensbedingungen.

Als Gemeinschaftseinrichtung von casablanca gGmbH und Zukunft Bauen e. V., ist in 2011 das Familienförderzentrum Panke-Haus in einem sozial besonders belasteten Gebiet Berlins, dem über regionale Grenzen hinaus bekannt gewordenen Soldiner Kiez entstanden. Hier werden verschiedene Formen von Hilfen zur Erziehung wie Ambulante Familienhilfe, Betreutes Wohnen für Mutter und Kind und eine elternaktivierende stationäre Kinderwohnguppe mit Elternbildungsangeboten und Gemeinwesenarbeit sowie mit einem Ehrenamtsprojekt, der Patenschaftsinintiative PiA – Paten in Aktion ® verbunden. Die Hilfen und Angebote können jeweils für sich oder – vorzugsweise – als integrierte Bausteine angewendet werden. Neben Platz für Betreute Wohnungen sowie Kurs- sowie Beratungsräumen bietet das große Weddinger Wohnhaus am Flüsschen Panke, das das Viertel durchfließt, Wohnungen für reguläre MieterInnen, so dass hier eine besondere Mischung eines stadtteilintegrierten Förderzentrums realisiert wurde. Das Panke-Haus ist zugleich sozial wie auch städtebaulich ein positiver Ankerpunkt für das Umfeld.

Seit April 2012 bietet das Panke-Haus auch für die Möglichkeit, gesamte Familien durch ein intensives Familientraining mit ambulanten und stationären Elementen zu unterstützen: das Projekt familien-stärken. Dafür stehen im Haus 3 Wohnungen für insgesamt 4 Familien zur Verfügung. Inzwischen bietet der Träger das Angebot auch an einem weiteren Standort im Stadtbezirk Pankow in 3 Wohnungen für 3 Familien an.

Die Besonderheit dieses Angebots liegt darin, dass es den teilnehmenden Familien ermöglicht wird, zeitweilig ihren bisherigen Lebensraum zu verlassen und sich unter völlig anderen Rahmenbedingungen neu zu organisieren. Ziel des Angebots ist es, in einem Zeitraum von 6 – 8 Monaten die Familiensituation soweit zu stabilisieren und zu verbessern, so dass einer Fremdunterbringung des Kindes/bzw. der Kinder (i.d.R. haben die Familien mehrere Kinder) entgegengewirkt werden kann, das Kindeswohl nachhaltig nicht gefährdet ist und eine zeitnahe Rückführung der Familie in den eigenen Haushalt erfolgen kann.

Der Projektname familien-stärken bezieht sich zum einen auf die Absicht, die Familien zu unterstützen und in ihrer Autonomie und Eigenverantwortung zu stärken. Des Weiteren möchte er die Möglichkeit der individuellen Stärkung zum Ausdruck bringen, die durch innerfamiliäre Zuwendung und Unterstützung erfahren werden kann.

Zuletzt bezieht er sich auf das Konzept, welches das Zusammenbringen von Familie  im Panke-Haus vorsieht, wodurch ein interfamiliärer Austausch initiiert wird und die Familien sich, im besten Falle, gegenseitig stärken.

Die FamilientrainerInnen sind SozialpädagogInnen mit methodischen Zusatzqualifikationen, mit einer Familie arbeitet jeweils ein Mann/Frau – Tandem. Als weitere Fachkraft bietet eine Hauswirtschafterin mit besonderer Qualifikation (HOT-Trainerin, Familienpflegerin) gezielte Unterstützung im Bereich Haushaltsführung, Ernährung, Gesundheit. In allen Phasen der Hilfe verbleiben die elterliche Sorge und Verantwortung bei den Eltern, die FamilientrainerInnen leben nicht in der Trägerwohnung mit.

Bei der Konzeptentwicklung wurde eng mit dem örtlichen Jugendamt des Stadtbezirkes Mitte kooperiert, zu dem der Soldiner Kiez gehört. familien-stärken ist ein Angebot der Erziehungshilfen und basiert auf der rechtlichen Grundlage von §§ 27.2 i.V. m. 31 SGB VIII. Die Finanzierung in den ambulanten Phasen erfolgt durch die in Berlin übliche Vergütung für eine Fachleistungsstunde, die stationäre Phase (Innewohnen der gesamten Familie) wird mit einer Monatspauschale vergütet, die den personellen Betreuungsaufwand und die Kosten der Trägerwohnung abdeckt. Den Aufwand für Lebensunterhalt deckt die Familie durchgängig aus eigenen Einkünften oder Transferleistungen.

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Das Angebot familien-stärken“ ist in drei Phasen gegliedert

– Planungs-, Intensiv- und Stabilisierungsphase

Die Planungsphase (ca. 2-6 Wochen) dient dem gegenseitigen Kennenlernen von Familie und FamilientrainerInnen. Hier werden Informationen zur Familie und zum Angebot besprochen, die Ziele und gegenseitigen Erwartungen für die Zusammenarbeit formuliert und der Einzug in die Trägerwohnung geplant und verschiedene Themen zu Veränderungszielen, Aufgabenverteilungen, Regelungen bezüglich der Trägerwohnung und der Familienwohnung geklärt. Die Inhalte beziehen sich auf alle relevanten Angelegenheiten und Themen für jedes Familienmitglied. Diese Phase erfolgt in der Wohnung der Familie und endet mit dem Kontrakt zum Übergang in die stationäre Trainingsphase – oder ggfs. mit einer alternativen Entscheidung. Es ist möglich, dass die Eltern oder die FamilientrainerInnen zu dem Ergebnis kommen, dass die stationäre Trainingsphase nicht gewünscht oder nicht geeignet ist. Die Familienwohnung bleibt während der stationären Phase in der Trägerwohnung erhalten.

In der Intensivphase (ca. 6 – 8 Monate) erfolgt der Einzug der Familie in die vom Träger bereitgestellte Wohnung und das praktische und aktive Training beginnt. Die Familie erstellt mit den FamilientrainerInnen einen Wochenplan, der das Familientraining in den Alltag der Familie einbindet und strukturiert. Es finden regelmäßig Eltern-, Familien und Gruppenfamiliengespräche statt sowie Anleitung in der hauswirtschaftlichen Versorgung und Freizeitgestaltung.

Vom Bedarf der Familien abhängig können Elternbildungskurse, ein Haushaltstrainingskurs und Familienspielgruppen besucht werden. Die FamilientrainerInnen haben anfangs tägliche Kontakte mit der Familie in der Wohnung, im Verlauf des stationären Prozesses verändert sich der Turnus. Ziel ist die Befähigung der Eltern im Umgang mit ihren Erziehungsaufgaben. Die FamilientrainerInnen behalten sich das Recht vor, die Wohnung im Bedarfsfall jederzeit betreten zu können. Dies ist vor dem Hintergrund der Indikationen, die zur Aufnahme von Familien bei familien-stärken führen, erforderlich. In allen Fällen liegen Erziehungsschwierigkeiten mindestens im sog. Graubereich vor. Die Intensivphase endet mit der praktischen und emotionalen Vorbereitung der Familien auf die Rückkehr in die eigene Wohnung und der Erarbeitung von Handlungsplänen, einschließlich Notfallplänen für die Übertragung von Erlerntem und Eingeübtem in die häusliche Herkunftssituation. Es wird ergänzend überlegt, ob es möglich ist, für einzelne Kinder einen Paten/eine Patin zu gewinnen.

In der Stabilisierungsphase (ca. 4 – 8 Wochen) erfolgt die Anwendung der neuen Erkenntnisse und Verhaltensmöglichkeiten in der Alltagssituation in den Herkunftswohnungen. Planungen und Abläufe werden gemeinsam mit den FamilientrainerInnen ausgewertet und neu justiert, damit die Familie – und zwar alle Mitglieder – damit gut leben können. Dabei wird ein Bewusstsein dafür geschaffen, nicht wieder in destruktive Verhaltensweisen und Strukturen zurückzufallen, sondern bewusst darauf zu achten, die neu erlernten oder wieder mobilisierten konstruktiven Verhaltensweisen und Ressourcen anzuwenden. Möglichen Versagensängsten, besonders von Seiten der Eltern, begegnen die TrainerInnen mit Verständnis, Gelassenheit und einer „angemessenen Portion“ Fürsprache und Zuversicht.

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Im Sinne des Empowerments zielt das Training in allen Phasen darauf ab, die Familien, insbesondere die Eltern, dahingehend zu stärken, dass sie eigenverantwortlich und mit Selbstvertrauen ihre Familiensituation verbessern und die familiären Ressourcen aktivieren und nutzen. Durch Förderung und Forderung ihrer Erziehungskompetenz, und ggf. Einüben neuer Kommunikations-, Haushaltsführungs- und Alltagstrukturierungsmuster, sollen Eltern befähigt werden, mit Krisen und Alltagsherausforderungen adäquater umzugehen und das Wohl ihrer Kinder zu sichern. Je nach Zielsetzung liegen weitere Schwerpunkte des Trainings in der Versorgung und Pflege der Kinder, der Entwicklungs- und Gesundheitsförderung, der elterlichen und familiären Beziehungsgestaltung, Begleitung in Behördenangelegenheiten und im Umgang mit Finanzen.

Das Konzept berücksichtigt auch die Entfaltung personaler Kräfte durch die stärkende Gemeinschaft mit Anderen. So werden durch gemeinsame Gesprächskreise, Freizeitaktivitäten und eine Gemeinschaftswohnung Situationen geschaffen, die interfamiliären Austausch und bestenfalls gegenseitige Unterstützung initiieren. Eine besondere Bedeutung dabei haben die integrierten familienbildenden Kurse, an denen die Eltern im Gruppensetting – neben anderen Eltern – teilnehmen: Elternkurse („Erziehung mit Lust statt mit Frust“, Haushaltstraining „Pico-bello“, Frühförderkurs „baby-base“) und Familienspielnachmittage. Die jeweilige Familie muss nicht an allen Kursen teilnehmen, dies wird individuell vereinbart. In jedem Fall wird darauf Wert gelegt, dass die Eltern mindestens in ein Gruppensetting eingebunden werden. Das Angebot richtet sich an Familien, die eine positive Bindung zueinander und den Willen haben, weiterhin zusammen leben zu wollen, die jedoch in ihrer privaten Umgebung, auch mit Hilfe einer ambulanten Familienhilfe, nicht die notwendigen Veränderungen erzielen, um einem Fremdunterbringungsrisiko der Kinder entgegenzuwirken. Es ermöglicht den Familien Entwicklungsschritte miteinander zu vollziehen und Traumatisierungen, die sich aus Trennungen von Eltern und Kindern ergeben, abzuwenden.

Familien in denen ein oder mehrere bereits untergebrachte Kinder in den elterlichen Haushalt zurückgeführt werden sollen, bietet es die Möglichkeit, das neue Zusammenleben in einer gemeinsamen stationären Trainingssequenz vorzubereiten.

Erfahrungen und Herausforderungen in der Umsetzung von familien-stärken

Die Erfahrungen der ersten acht Monate in der praktischen Umsetzung des Konzepts familien-stärken – mit bisher 4 Familien mit insgesamt 10 Kindern – lassen ein vorsichtiges, erstes Resumée und Überdenken der konzeptionellen Inhalte zu. Das Angebot familien-stärken wird genutzt und bietet erfolgreich die Möglichkeit, Familien zusammenzuführen und sich im Zusammenleben zu üben und zu erproben.

Durch die Rahmenbedingungen, insbesondere dem Innewohnen der Familie in einer Projektwohnung sowie der hohen Präsenz der Fachkräfte, wird den TrainerInnen die Lebenswelt der jeweiligen Familie in hohem Maße „transparent“. Schwierigkeiten und Herausforderungen im Zusammenleben der Familie werden „begreifbar“.

Der komplette Kontextwechsel, der sich durch die Verortung in das neue Umfeld ergibt, scheint den Familien die Entwicklung und Erprobung neuer Handlungsmuster zu erleichtern, nicht zuletzt dadurch, dass alte Lösungsmuster hier nicht funktionieren und thematisiert werden. Dabei ist die Tatsache, dass alle Familienmitglieder vor Ort sind, von entscheidendem Vorteil und ermöglicht ein komplexes systemisches Arbeiten.

Die hohe Frequenz der Gespräche und gemeinsamen Aktionen ermöglicht, das von den Familienmitgliedern als nicht hilfreich erlebte Verhalten zeitnah zu reflektieren und neue Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Die Vereinbarung der nächsten Handlungsschritte, die Begleitung der Familie bei deren Umsetzung und die erneute Reflektion und Überarbeitung erfolgen in kurzen Abständen. Dabei ist der Wunsch der Familie nach Veränderung von entscheidender Bedeutung für den „Erfolg“ des Familientrainings. Die Familie bleibt in ihrer Autonomie und die Eltern in der Verantwortung der elterlichen Sorge.

Im Kontext Kinderschutz ergeben sich besondere Herausforderungen, wenn Auflagen und Kontrollen der im Konzept angestrebten Partizipation der Eltern möglicherweise entgegenstehen.

Die Verortung der Familie kann, neben den geschilderten Vorzügen, auch Nachteile mit sich bringen. Ressourcen, wie zum Beispiel unterstützende Nachbarn oder Kitaplätze, können mit dem Umfeldwechsel wegfallen und müssen kompensiert werden. Ein Netzwerk an Kooperationspartnern ist sicher hilfreich.

Erwartungen und Ziele für die Zukunft

Im Sinne des Qualitätsmanagements ist für das Hilfeangebot familien-stärken eine geeignete Form der Evaluation zu entwickeln. Die ins Projekt involvierten Fachkräfte beschäftigen sich dazu, auch im Rahmen der Supervision, mit der Frage, wie Erfolg in diesem Kontext definiert wird und woran dieser zu messen ist. Wünschenswert hierzu wäre eine gemeinsame Auswertung in Kooperation mit den Jugendämtern.

Nicht zuletzt auch im Hinblick darauf, familien-stärken als passgenaues Angebot in  den Hilfen zur Erziehung zu etablieren. Im Hinblick darauf, das Angebot vielen Familien zugängig zu machen, ist es vorstellbar, das Konzept partiell flexibel zu handhaben und auf den individuellen Hilfebedarf der jeweiligen Familie „anzupassen“.

Unser Ziel ist es, dass Familien die Chance des Angebotes familien-stärken wahrnehmen und dieses – auch im Sinne der Namensgebung – für sich nutzen.

familien-stärken im Panke-Haus, casablanca gGmbH